Barbaren aus dem Norden?

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James Barrett von der Cambridge Universität hat eine Studie veröffentlicht (Discovery News), wonach sich die Raub- und Eroberungsfahrten der Wikinger auf der Basis eines Frauenmangels in den Heimatländern der Seefahrer erklären lassen soll. Zu diesem Frauenmangel soll es wiederum durch Aussetzung von weiblichen Neugeborenen gekommen sein. Bisherige Erklärungsversuche (Klimawandel, Überpopulation usw.) soll Barrett lt. dem News-Artikel ablehnen.

Hm, das klingt alles ein wenig simpel. Um einen wirklichen Frauenmangel herbeizuführen, müßte man wohl in recht großem Umfang weibliche Neugeborene töten. Dazu müßte man ganz schön blöd sein, wenn ich das mal so salopp formulieren darf. Jede Gemeinschaft weiß doch instinktiv, daß ein Fortbestand nur dann möglich ist, wenn es entsprechend viele Nachkommen gibt. Dazu benötigt man nun einmal Männer und Frauen. Können die Wikinger wirklich so blöd gewesen sein? Man muß sich dann auch fragen, ob eine solche massenhafte Tötung von Neugeborenen nicht irgendwie in unseren Quellen zu finden sein müßte.

Daß Frauenmangel – oder ganz allgemein gesagt: Suche nach einer Ehefrau – ein Motiv der Wikingfahrten gewesen sein kann, ist sicher nicht auszuschließen. Aber irgendwie erinnert mich diese Studie an die Meldungen vom Jahresanfang (z.B. ORF Science), wonach die Gewandbroschen der Frauen statt am Schlüsselbein auf den Brüsten getragen wurden. Irgendwie scheint nach einer Zeit, in der das Wikingerimage von den Räubern und Plünderern zu den Händlern gewandelt werden sollte, nun wieder der babytötende, sexbesessene Barbar in den Vordergrund zu geraten. Oder ist es einfach so, daß der Konkurrenzdruck bei den Archäologen zu solch wilden „Ergebnissen“ führt?

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4 Antworten to “Barbaren aus dem Norden?”

  1. Andreas Says:

    Nunja, nicht jede Pressemitteilung hat Beachtung verdient. Ich nehme mal an deine Konkurrenzdruckvermutung ist nahe an einer möglichen Wahrheit. ich würde sogar die Möglichkeit einer „Huhu-ich-will-auch-mal-wichtig-sein“Aufmerksamkeits heischenden Pressemeldung nicht ausschliessen.

  2. Ulrike Says:

    Der Frage, ob die Kindsaussetzung neugeborene Mädchen öfter betraf als neugeborene Jungen, ist bereits Carol Clover nachgegangen („The Politics of Scarcity: On the Sex Ratio in Early Scandinavia.“ Scandinavian Studies, 60 (1991)). Die Ansicht, dass Mädchen häufiger und wegen ihres Geschlechts ausgesetzt wurden, vertritt auch Jenny Jochens („Women in Old Norse Society“ Ithaca 1995).
    Dieses Phänomen wird also nicht nur aus Gründen der Aufmerksamkeitssucht untersucht, sondern ist durchaus Teil der seriösen wissenschaftlichen Diskussion über das Leben in der altnordischen Gesellschaft.

  3. altesitte Says:

    Hallo Ulrike, natürlich geht es nicht nur um Aufmerksamkeitssucht. Mir war auch (im Hinterkopf / mal gelesen / keine Quelle) bekannt, daß Mädchen wohl häufiger ausgesetzt wurden. Trotzdem kann ich mir nicht vorstellen, daß Mädchen zahlenmäßig so häufig ausgesetzt wurden, daß man befürchten mußte, später einmal zu wenig Frauen zu haben. So etwas widerspricht m.E. dem „gesunden Menschenverstand“. Genau auf dieser Annahme basiert aber Barretts Forschungsergebnis. Rein intuitiv finde ich das schwer nachvollziehbar.

  4. Ulrike Says:

    Warum?
    Es gab (und gibt) doch immer (noch) Kulturen, in denen Mädchen massiver und lebensgefährlicher Benachteiligung ausgesetzt sind, auch wenn den Männern dieser Kulturen völlig klar war, dass ohne Frauen kein Nachwuchs gezeugt werden kann. Ob man in diesem Zusammenhang mit gesundem Menschenverstand rechnen kann?

    Das Problem ist, dass Heiden daran gewöhnt sind, Tacitus folgend den Frauen der germanischen Gesellschaften eine Form von Gleichheit in Achtung und Ansehen zuzugestehen, die sich mglw. auf Frauen einer bestimmten Gesellschaftsschicht als mehr oder weniger zutreffend bezeichnen lässt, jedoch nicht auf die ganze (altnordische) Gesellschaft.
    Anderslautende Forschungsergebnisse oder Phänomene, die dieser Annahme widersprechen werden daher erstmal nicht ernstgenommen, was ich schade finde.

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