Die Energie der Steine

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Vor ein paar Wochen schrieb ich eine Vorabrezension zu diesem Runenbuch von Christine Genc (Untertitel „Nutze die Kraft Deiner eigenen Runen“). Irgendwie enthielt aber der Werbetext einen etwas anderen Zungenschlag als bei all den anderen Runenbüchern, mit denen die Esoterikverlage den Markt überschwemmen, so daß ich Kontakt zum Hierophant-Verlag und über diesen zur Autorin aufnahm. Ich erhielt ein Rezensionsexemplar des Buches zugesandt und habe es jetzt endlich geschafft, es zu lesen und Frau Genc meine Meinung dazu zu schreiben.Liebe Frau Genc,

Ihr Buch hat mich enttäuscht.

Es enthält viel zu wenig von Ihnen, um sich wirklich deutlich von den vielen überflüssigen Wie-mache-ich-Geld-mit-einem-Runenbuch-Machwerken zu unterscheiden. Als Leser fühle ich mich gerade an den Stellen, wo sie persönlich, wo Ihre Runenpraxis, wo Ihre Spiritualiät ins Spiel kommt bzw. kommen sollte, im Stich gelassen.

Durch den Kontakt mit Ihnen weiß ich wenigstens in Stichworten, warum sie an jenem Januarmorgen bei Sonnenaufgang am Spiegelgrund in Wien waren, um die Steine für die Runen zu sammeln. Doch als normaler Leser ohne Hintergrundinformation, zumal einer, der Wien nicht kennt, würde ich mich ziemlich hilflos fühlen: Warum sammeln Sie die Steine am Spiegelgrund? Muss man die Steine bei Sonnenaufgang sammeln? Warum sammelten Sie gerade 41 Steine? Warum nehmen Sie ein Baumwollsäckchen für den Transport der Steine?

Sie schreiben, man soll zu einem Platz in seiner Umgebung gehen, und die Atmosphäre in sich aufsaugen. Mir fallen da in der Umgebung einige Plätze ein, an denen mir übel werden würde, wenn ich da irgendetwas „aufsaugen“ würde. Natürlich meinen Sie solche Plätze nicht, aber warum schreiben Sie dann nicht, wie man seinen entsprechenden Platz aussuchen soll, sondern beschränken sich auf Andeutungen und Gemeinplätze?

Das findet sich so auf den – eigentlich – wichtigsten vier Seiten Ihres Buches: Sie lassen mich als Leser vor allem mit unbeantworteten Fragen nach dem Was, Wie und Warum zurück. Besonders unangenehm fiel mir auf, daß Sie die germanischen Runen irgendwann als „keltische Zeichen“ bezeichneten.

Bleiben wir gleich bei den Runen …

Sie schreiben es im Buch nicht, aber ich unterstelle einfach, daß die jeweiligen Deutungen bei den Runen Ihre persönlichen Deutungen sind. Deswegen gehe ich darauf nicht ein, da unsere jeweiligen persönlichen Deutungen aufgrund unserer unterschiedlichen Persönlichkeiten, Lebenserfahrung usw. zwangsläufig unterschiedlich sein werden.

Aber für mich ist und bleibt die „numerische Bedeutung“ einer Rune ihr Zahlenwert, der sich beispielsweise durch ihre Stellung in der Runenreihe ergeben kann, und ganz und gar nichts mit Deutungen wie beispielsweise „Potentielle Kraft“ bei Nauthiz zu tun hat. (Übrigens steht Othalaz am Ende des Futhark und nicht an sechster Stelle wie in Ihrem Buch.)

Ihre „Einleitung – Herkunft und Bedeutung der Runen“ ist eine Mischung aus wilder Spekulation, phantasievollem Unsinn, Gemeinplätzen und einigen Fakten.

Warum sollten beispielsweise Ihre imaginären Schamanen vor 2000 Jahren ihren Zeichen ausgerechnet einen Namen gegeben haben, der in dieser Form erst 1500 oder 1600 Jhre später auftaucht? Weder wissen wir heute, ob es diese Schamanen gab, noch, ob, wofür und wie sie die heute als Runen bezeichneten Zeichen verwendeten und ganz und garnicht wissen wir, wie diese Zeichen damals genannt wurden.

Eines der Dinge, über die sich wohl alle mit dem Thema befassten Wissenschaftler einigermaßen einig sind, ist, daß die überlieferte Form der Runen sie vor allem dafür geeignet macht, in Holz eingeritzt zu werden. Zeichen, die in Stein eingeritzt werden sollen, verzichten nicht auf waagerechte Striche.

Deswegen ärgere ich mich immer noch darüber, wie sie Runen pauschal als „sprechende Steine“ bezeichnen.

Ich hatte gehofft, Sie würden erläutern, warum Sie die Runen ausgerechnet auf Steine malen, warum Sie nicht Holz eines „fruchtragenden Baumes“ genommen haben, wie uns Tacitus (möglicherweise) über die Herstellung der Runen erzählt, warum Sie diese speziellen Steine ausgewählt haben. Denn, wie ich schon in meiner Vorabrezension schrieb, es ist legitim, Runen auf Steine zu malen. Aber wenn Sie als spiritueller Mensch ein Buch über Runen, über Ihre persönliche Runenpraxis schreiben, dann möchte ich einfach wissen, warum Sie die Runen gerade nicht in der überlieferten Art und Weise herstellen.

Liebe Frau Genc,

ich habe Ihr Buch gelesen, um das zu erfahren. Diese für mich grundlegend wichtige Information fehlt aber, neue Fakten über Runen enthält es auch keine, eher im Gegenteil.

Ihr Buch hat mich wirklich enttäuscht.

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5 Antworten to “Die Energie der Steine”

  1. langerheide Says:

    Ich hatte meine Rezension in Briefform zuerst an die Autorin und den Verlag gesandt, bevor ich sie hier eingestellt habe.

    Die Autorin, Christine Genc, hat mir darauf geantwortet. Ich setze ihr Einverständnis voraus und veröffentliche einen Teil ihrer Antwort hier als Kommentar, werde diesen Kommentar aber sofort löschen, wenn Frau Genc mit der Veröffentlichung nicht einverstanden ist.

    Nun der Kommentar von Frau Genc:

    Es ist von mir voll beabsichtigt gewisse Vorlagen und Vorlieben meinerseits nicht in das Buch einfließen zu lassen. Ich will nur anregen sich Runen selbst zu machen. Eigentlich finde ich, ist das Material worauf ich Runenzeichen setze ziemlich egal. Wichtig ist, dass man vor den Zeichen Respekt hat und mit Würde daran geht sich der Dinge zu nähern. Das Buch soll Appetit auf das alte Wissen machen und Neugierde schüren, sich mit dem Thema aus einander zu setzen. Jeder Mensch hat in seiner Umgebung Plätze an denen er sich wohl fühlt.
    Es hat sich einfach so ergeben, dass ich am Spiegelgrund die Steine fand. Es hätte auch irgend wo anders sein können. Da ich kein Holzschnitzer bin, habe ich eben Runen aus Stein gemacht. Sie sind aber deshalb nicht mehr und nicht weniger aussage kräftig.
    Beim Sammeln der Steine habe ich nicht auf die Anzahl geachtet, deshalb kamen 41 Steine in mein Leinensackerl. Da Steine für mich zur Natur gehören und ebenfalls atmen, habe ich ein Leinensackerl gewählt. Ich sammle die Pilze auch nicht in einem Plastiksackerl. Für mich sind das logische Dinge
    und deshalb nicht erwähnenswert.
    Es steht Ihnen auch nicht zu über mich die Meinung zu vertreten, ich möchte die Menschen „abzocken“, das ist eine kleine Frechheit. Wer über mich einiges erfahren möchte braucht nur auf google zu gehen und meinen Namen eingeben. Sie werden dort einiges über mich erfahren. Ebenso dient meine homepage um Hintergrund meiner Person zu finden. Alles kostenlos! http://www.christine-genc.at

  2. langerheide Says:

    Liebe Frau Genc,

    in einem Punkt widerspreche ich Ihnen: Es steht mir ganz selbstverständlich zu, jede Meinung zu vertreten, die ich vertreten möchte.

    Aber ich vertrete nicht die Meinung, sie möchten die Menschen abzocken, und das habe ich auch nie gesagt oder geschrieben.

    Tatsächlich hatte ich mich darüber beklagt, daß sich Ihr Buch „nicht wirklich deutlich“ von den Büchern derjenigen unterscheidet, die anderen Menschen das Geld aus der Tasche ziehen wollen. Ihr Buch unterscheidet sich von solchen Machwerken, aber eben „nicht wirklich deutlich“ – wenn ich den Unterschied nicht bereits vorher gekannt hätte, hätte ich ihn vielleicht nicht bemerkt.

    Nein, selbstverständlich müssen Sie nicht all das in Ihr Buch schreiben, was ich darin vermisse. Aber für mich verliert das Buch erheblich an Wert, weil Sie all das nicht hineingeschrieben haben.

    Für mich als germanischen Heiden sind die Runen nicht nur irgendwelche mächtigen Zeichen. Es sind heilige Zeichen, die wir von den Göttern erhalten haben. Deswegen ist es für mich normal, diese Zeichen genau so zu verwenden, wie sie überliefert wurden, nämlich in Holz geritzt. Außerdem hat es für mich eine Bedeutung, daß diese Zeichen extra so gestaltet wurden, daß sie gut in Holz geritzt werden können.

    Wenn also gerade jemand wie Sie, liebe Frau Genc, ein Buch darüber schreibt und darin die Runen gerade nicht in der traditionellen Form verwendet, hatte ich als sicher angenommen, daß diese Abweichung in dem Buch erklärt werden wurde. Meine Bewertung Ihres Buches wäre wesentlich besser, wenn Sie es getan hätten.

    Denn ich kenne Ihre Gedanken nicht, ich weiß nicht, was für Sie „logisch“ ist.

    Vielleicht hilft ein Beispiel aus der Mathematik: Wenn Sie eine komplizierte Rechenaufgabe stellen und auch gleich die Lösung dazuschreiben, hilft mir das nur wenig, wenn Sie nicht auch den Rechenweg erläutern.

    Heilige und mächtige Zeichen, sind in meinen Augen eine viel zu komplizierte Materie, um Dinge als selbstverständlich und bekannt vorauszusetzen.

    Sie haben das getan und damit meine Erwartungen in Ihr Buch schwer enttäuscht.

  3. Andreas Says:

    Langerheide, soweit ich das aus der Sicht des dritten, des Beobachters zu erkennen vermag ohne weder dich noch Frau Genc zu kennen, stimme ich deinen Gedankengängen diesbezüglich vollends zu. Ich gehe sogar soweit das ich behaupte.

    Wer nicht dem Glauben an die Götter anhängt, und den zugehörigen „Reliquen“ nicht den Respekt ihrer eigenen Bedeutung zollt. Der vergreift sich an Dingen die er nicht versteht.

    Ich erdreiste mich ja auch nicht zu sagen das ich mit einen Engel des Bibelgottes plausche und von ihm Wahrheiten erfahre.

    Wie sollte das auch gehen, wenn ich nicht an diese Engel glaube.

    Erog hat meines Erachtens auch Frau Genec nicht die Kompetenz Runen zu lehren. Aber den Esoterikern ist ja nichts heilig. Ob Frau Genc eine ist kann ich nichtsagen, aber dem Glauben an die Götter den sprech ich ihr mal mutig ab

  4. langerheide Says:

    Hallo Andreas,

    vielleicht verstehe ich, was Du meinst.

    Die Götter haben uns die Runen gegeben, sie gehören zum germanischen Heidentum, der Religion der Menschen, die gewöhnlich als Germanen bezeichnet werden.

    Deswegen empfinde ich es auch jedesmal als ziemliches Unding, wenn diese heiligen Zeichen aus ihrem Kontext gerissen und/oder in einen anderen Kontext gestellt werden.

    Und ich bezweifle auch, daß die Runen dann noch sonderlich nützlich sein werden.

    Natürlich, man kann eine geladene und entsicherte Pistole auch sehr effektiv als Briefbeschwerer verwenden … aber ich würde den fraglichen Raum ungern betreten.

    Oder, um ein etwas harmloseres Beispiel zu verwenden: Man kann die Beziehungen zu seinen Mitmenschen durch aus nach den Gesetzen der Mathematik gestalten. Doch ich bezweifle, daß man damit sehr glücklich werden würde, weil sich Menschen eben nicht auf ihre Zahlenwerte oder auf statistische Daten reduzieren lassen.

    Jedoch sind die Runen nicht nur Bestandteil unseres heidnisch-germanischen, sondern unseres germanischen und damit Bestandteil des europäischen und sogar Welt-Erbes. Runen wurden – auch das stimmt nicht so ganz in Ihrem Buch, liebe Frau Genc – in Skandinavien noch lange nach der Christianisierung, bis ins 17. oder sogar 18. Jahrhundert verwendet.

    Es wäre also extrem weltfremd, wenn wir germanischen Heiden uns jetzt hinstellen und jedem Menschen anderer Religion verbieten oder auch nur das Recht absprechen würden, Runen zu verwenden.

    Es ist also in jedem Fall legitim, wenn Frau Genc Runen für Orakel verwendet, und sie wird damit durchaus Erfolg haben. Doch wird sie, wenn sie die Runen aus dem Kontext der germanischen Religion herausnimmt, nach meiner Überzeugung nie die volle Bandbreite, nie die volle Kraft dieser heiligen Zeichen spüren oder gar für sich nutzen können.

  5. Andreas Says:

    Ich hätte es nicht so differenziert ausdrücken können und sehe du hast mich vollends verstanden. Deine metaphern von der Pistole finde ich am deutlichsten…

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