Alles neu macht der … März?

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Da gibt es nun eine neue „community“ für Menschen, die mit dem neuheidnischen, germanischen Glauben zu tun haben: AsatruaR. Es handelt sich dabei um so eine schöne Web-2.0-Sache, auch als social networking bezeichnet. Man erstellt also einen Account, gibt seine Daten ein, lädt ein Bild hoch – und schon kann man von anderen bewundert werden. Sobald sich dann andere anmelden, kann man diese als „Freunde“ hinzufügen, man kann Gruppen bilden, bloggen, kommentieren – whatever.

Natürlich stellt sich die Frage, ob die (heidnische) Welt so etwas braucht. Ich will das mal aus meinem Blickwinkel kommentieren, also als jemand, der die Online-Diskussionen zum Thema Asatru seit 1994 verfolgt. Am Anfang hatten „wir“ v.a. Mailinglisten, die vom E-Mail-Austausch lebten. Ich fand das immer eine tolle Sache, weil ich erhaltene Mails einfacher verfolgen kann als etliche Foren. Foren – genau das bahnte sich dann neben und bald jenseits der Beliebtheit des Usenet seinen Weg. Wer heute im Usenet liest, der merkt, daß viele Gruppen brachliegen – da passiert nix mehr. So richtig ging das los, als die Foren komplexer wurden durch sogenannte Content-Management-Systeme. Nun war es neben der reinen Foren-Diskussion möglich, den Online-Inhalt gemeinschaftlich zu bearbeiten – ein Prinzip, auf dem auch die Wikipedia aufbaut. Seiten erstellen, abändern, Artikel hochladen – all das ging plötzlich, und es machte es für diejenigen, die keine eigene Homepage haben, möglich, sich mit Texten einzubringen. Schaut man sich solche System, wie z.B. die VfGH-Seiten, an, dann merkt man, daß da schon ganz viel geht – auch wenn man von den Mitgliedern erwarten würde, daß sie sich etwas aktiver einbringen würden.

Ich habe meine Seiten zwischenzeitlich auch deswegen mal offline genommen, weil ich glaubte, daß so eine „one-man-show“ im Zeitalter des schönen, neuen Web 2.0 ausgedient hätte. Dem ist aber nicht so, zumindest ist das die Überzeugung, zu der ich mittlerweile gekommen bin. Auch die schönsten gemeinschaftlichen Projekte dümpeln oft vor sich hin, weil zwar hunderte Mitglieder im Forum angemeldet sind, dafür aber nur wenige Leute tatsächlich Inhalte hinzufügen – und dabei auch noch den Überblick behalten, was alles schon geschrieben wurde und wo noch Bedarf ist. Und wie ist das mit Teamspeak, Skype, Chat und Video-Konferennz? Der VfGH hatte lange Zeit einen Teamspeak-Server online, es wurden die Skype-Nicks ausgetauscht, ja, es gab sogar einen Video-Konferenz-Server, aber definitv lief – bis auf kleine Ausnahmen – nix.

Auch die Wikipedia ist ja immer wieder diskutiert worden und nach wie vor kein zitierfähiges Medium. Wenn man sich den Editwar z.B. beim Asatru-Artikel (GGG vs. Rest-of-the-World) ansieht, dann komme zumindest ich zum Schluß, daß ich weiß, was ich an meinen eigenen Seiten habe. Die gestalte ich selbst, die tragen meine Handschrift, sie sind mein Werk. Ich bin heute mehr denn je der Meinung, daß solche Individual-Arbeiten wichtig sind, denn sie haben so etwas wichtiges wie eine „Weltanschauung“, einen „Blickwinkel auf die Geschichte“, ja, sie atmen im Prinzip die Persönlichkeit des Verfassers und sie strahlen sie aus. Die Wikipedia wirkt dagegen wie ein nüchternes Aufklärungsbuch, wobei ich sie natürlich selbst häufig nutze und auch als das, was sie ist, zu schätzen weiß.

Und nun haben wir AsatruaR, das neue Netzwerk. Deutlich über 100 Anmeldungen in knapp einer Woche, das ist schon toll, klar. Etliche Gruppen wurden gegründet, von den Bibliophilen, über die „Antifasatruar“ hin zu „Leckt’s mi wo i am schönsten bin!“. Und nun sitzen da über 100 Leute, aber an Blogeinträgen, Kommentaren usw. gibt es noch sehr wenig. Die meisten Gruppen haben sich nur formiert, aber es gibt noch kaum interne Diskussionsfäden. Warum das? Nun, vielleicht auch deshalb, weil jede Gruppierung halt schon ihr eigenes Forum hat. Oder weil irgendwie schon alles mal diskutiert wurde, was man so besprechen kann. Deswegen werden Neulinge, die in Foren Fragen stellen, gerne mal mit „benutz die SuFu“ angeraunzt.

Ich habe so den Eindruck, jedes Mitglied von AsatruaR ist noch dabei, sich einzurichten. Die Gadgets und Plugins wollen eingefügt werden, Musikgruppen und Lieblingsessen muß man eintragen, schöne Bilder und „Fun-Videos“ hochladen. Aber was dann kommt, das wird den Inhalt und die Bedeutung von AsatruaR ausmachen.

Und so muß ich gestehen, daß ich da eher düster in die Zukunft blicke. Zwar weiß ich durch klicki-bunti Bildchen nun, wer wie aussieht, aber mir ist nicht klar, was das besondere an AsatruaR sein soll, das jetzt mit einem großen Schritt neben die Foren und CMS treten wird. Auf niedrigstem Nenner ist es eine weitere Selbstdarstellungsplattform in der virtuellen Welt – und ich bin schon länger der Meinung, daß wir echte Kontakte im reellen Leben benötigen. Das sei kein Pauschalvorwurf an die anderen Mitglieder von AsatruaR, ich weiß ja, daß etliche sehr wohl sehr engagiert im echten Leben sind. Ich bin halt sehr zwiegespalten und freue mich auch, daß ich meine Jahreskreisfeste mit der Familie und anderen Menschen in unserem Herd begehen kann. Denn da brauch ich kein Avatarbild, da komme ich so hin, wie ich bin. 🙂

Trotzdem: Gute Idee, die Sache mit AsatruaR, und viel Glück der neuen Gemeinschaft.

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