Rituale zwischen Privatheit und Öffentlichkeit

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Ich möchte heute mal ein wenig laut über Rituale nachdenken – speziell unter dem Aspekt von Öffentlichkeit. Neulich sprach ich mit einer nichtheidnischen Frau über unsere Rituale. Ich schilderte ihr, daß wir Plätze im Wald hätten, an denen wir unsere Rituale abhalten. Wir sprachen konkret über das anstehende Julfest, an dem wir abends im Dunkeln zu einem solchen Platz gehen. Die Frau meinte, das hätte etwas „geheimnisvolles“ oder auch „verbotenes“, es stünde so im Gegensatz zu den öffentlichen Messen der christlichen Kirchen. Ihr dränge sich die Frage auf, was denn geheimes dort so „passiere“, sie könne sich unter einem „heidnischen Ritual“ nichts vorstellen. Natürlich habe ich zunächst einmal erklärt, daß die Art und Weise unserer Rituale keinen bewußten Ausschluß der Öffentlichkeit bedeutet. Es sind ihrer Natur nach private Rituale, die sich auf eine kleine (Heils-)Gemeinschaft beziehen. Eine Heilsgemeinschaft ist eine Menschengruppe, die aufgrund abstammungsbezogener oder anderer Faktoren eine enge Innenbindung hat. Rituale stärken in dieser Auffassung das gemeinsame Heil solcher Gruppen, für die als Beispiele die Familie, Großfamilie (Sippe) oder auch vereinsähnliche Zusammenschlüsse (z.B. Untergruppen oder „Herde“ der Vereine) gelten können.

Somit wäre klar, daß eine solche Gemeinschaft Rituale für sich selbst abhält, zu denen Fremde zwar eingeladen werden können, was aber nicht bedeutet, daß es öffentliche Rituale sind.
Andererseits las ich neulich in einer Ritualankündigung einer germanischen Gruppierung, daß man Teilnehmer vorab bei einem Stammtisch kennenlernen möchte. Das wiederum finde ich als zu hoch angesiedelt, soll heißen: wer mich fragt, ob er an einem Ritual meiner Familie oder Gruppe teilnehmen kann, der wird in der Regel ohne Vorabbeschau auch eingeladen. Als Gast gehört er dann definitiv zur Gemeinschaft; er steht unter dem Schutz des Gastgebers.

Somit stellt sich auch die Frage, was bewirken öffentliche Rituale, wie sie z.B. von der Asatru Folk Assembly in den USA abgehalten werden? Will ich meine Gemeinschaft stärken, führe ich ein privates Ritual durch – denn meine Gemeinschaft ist meine Privatsache. Da jedes Ritual aber unzweifelhaft mit dem Heil einer Gemeinschaft verbunden ist, müßte man solche öffentlichen Rituale als „Show“ abtun. Dann wiederum stellt sich die weitergehende Frage, ob „Showrituale“ auch nötig sein könnten, um unsere germanische Religion im Bewußtsein der Öffentlichkeit zu verankern.

Meine Antwort darauf: Eine neuheidnische Gruppierung sollte sich über Publikationen und sachliche Herausgabe von Informationen präsentieren. Niemandem nutzt das Ansehen eines Rituals, wenn er die Hintergründe nicht versteht. Die somit erzeugte, „künstliche“ Kluft zwischen der nach außen gegebenen Information und den privat abgehaltenen Ritualen, zu denen Gäste eingeladen werden können, erscheint mir als sinnvollste Vorgehensweise.

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4 Antworten to “Rituale zwischen Privatheit und Öffentlichkeit”

  1. Langer Heide Says:

    Da habe ich im weitesten Sinne eine andere Auffassung, weil die Ausübung der germanischen Religion in meinen Augen keine generelle Privatsache des Individuums, sondern eine Angelegenheit der Gemeinschaft und damit eine quasi öffentliche Angelegenheit ist. (Ausnahmen bestätigen die Regel.) Darauf möchte ich an dieser Stelle aber nicht weiter eingehen.

    Die heidnischen Gemeinschaften, an deren Ritualen ich in meiner Region teilgenommen habe und teilnehmen werde, halten ein vorheriges Kennenlernen der Teilnehmer an einem Jahresfest für notwendig. Dies soll beispielsweise eine Unverträglichkeit der Teilnehmer untereinander verhindern und hat dies auch schon getan.

    Es soll aber auch verhindern helfen, daß Leute, die ähnlich oder anders wirre Vorstellungen haben wie Deine erwähnte Bekannte, die Gemeinschaft und ihr Anliegen gefährden, in dem sie beispielsweise ihre Vorstellungen ungefragt und ohne Vorwarnung in ein Ritual einbringen und das dann noch möglichst lautstark und auffällig. So bin ich überhaupt nicht scharf darauf, daß jemand, der aufgrund der verzerrenden Medienberichterstattung glaubt, soetwas gehöre bei germanischen Heiden dazu, mit einer Hakenkreuzarmbinde bei einem Jahresfest auftaucht. Das gegenseitige „Beschnuppern“ und die Gespräche bei einem Stammtisch können das (wenn auch vielleicht nicht in jedem Fall) verhindern und wir haben dort schon so manchen Spinner abgeschreckt.

    Manchmal geht es aber auch einfach nur darum, daß das jeweilige Ritual auf einem Privatgrundstück abgehalten wird oder daß man sich vorher in einer Privatwohnung trifft, wo man einfach keine wildfremden Personen haben möchte.

  2. altesitte Says:

    Hi,

    ich will es konkretisieren: Meine Religion ist nur innerhalb meiner Bezugsgruppe eine „öffentliche“. Mein christlicher Nachbar gehört nicht dazu, obwohl ich ihn einladen würde, wenn er möchte. Ich sprach nicht von „Privatsache“, sondern von der Bezugsgruppe = Heilsgemeinschaft.

    Weiterhin ging es mir lediglich darum, daß ich so eine Art Vorstellungsgespräche vor Ritualteilnahme nicht gut finde. Daß man vorab Mails tauscht oder telefoniert, ist klar. Ich glaube, die Chance, daß jemand mit Hakenkreuzarmbinde auftaucht, ist doch eher gering.

    Interessant ist der Hinweis auf Privatwohnung vs. „wildfremde Personen“. Stehen diese Personen nicht erst einmal unter dem germanischen Gastrecht? Das bedeutet Pflichten für beide Seiten, nämlich aktive Gastgeberschaft auf der einen und (vorrangig gutes) Benehmen als Gast auf der anderen.
    Man muß sich ja vergegenwärtigen, daß man auch in anderen Dingen fremden Personen den Zutritt zur Wohnung gewährt. Warum also der Unterschied im religiösen Bereich?

  3. Langer Heide Says:

    Die Leute, die in meine Wohnung kommen, gehören in zwei Kategorien.

    Es sind entweder Leute, die ich persönlich kenne und die ich zu mir einlade, oder es sind Leute, deren Eindringen ich nicht wirklich verhindern kann, weil sie beispielsweise die Hausverwaltung dazu ermächtigt hat oder sie mein Schloss geknackt haben.

    Bei wildfremden Personen weiß man nicht, ob sie das germanische Gastrecht kennen und daher auch nicht, ob sie sich daran gebunden fühlen.

    Übrigens habe ich hier das Problem, daß ich sozusagen den advocatus diaboli spielen und eine Position vertreten muss, die ich sonst ablehne, bei der ich mich aber faktisch der Mehrheitsentscheidung füge. 😉

  4. Andreas Says:

    Der Artikel bestätigt meine Zweifel ein Sonnenwendfest allgemein öffentlich in Hannover zu veranstalten insbesondere der Satz ..

    Zitat: Will ich meine Gemeinschaft stärken, führe ich ein privates Ritual durch – denn meine Gemeinschaft ist meine Privatsache. Da jedes Ritual aber unzweifelhaft mit dem Heil einer Gemeinschaft verbunden ist, müßte man solche öffentlichen Rituale als “Show” abtun.

    Ich werde es wohl sein lassen, auch wenn ich es gern hätte eine sonnenwendfeier im allem drum und dran in hannover

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