Nur wenige Deutsche sind echte Germanen

by

oder „Deutsche Frauen sind deutscher als deutsche Männer“ – unter solchen reißerischen Überschriften berichteten einige deutsche Blätter über eine großangelegte Studie eines Schweizer Unternehmens. Die Firma iGenea ist eine Filiale von FamilyTreeDNA, dem – nach eigener Aussage – führenden Unternehmen für DNA-Genealogie, und hat 19.457 „deutsche“ Genanalysen miteinander verglichen.

Die Studie ist noch nicht veröffentlicht, doch teilte man den neugierigen Medien, namentlich der BILD am Sonntag, schon mal ein paar „sensationelle“ Ergebnisse mit:

  • Nur sechs Prozent aller Deutschen seien väterlicherseits germanischen Ursprungs.
  • Mehr als 30 Prozent der Deutschen würden von Osteuropäern abstammen.
  • Ein Zehntel der Deutschen habe jüdische Wurzeln.

Leider fehlen Angaben darüber, ob das mit den jüdischen Vorfahren sich auch nur auf die männlichen Vorfahren bezieht und wie man eine Religionszugehörigkeit an den Genen erkennen kann. (Oder hat Religion doch etwas mit der Abstammung zu tun?)

Nicht wirklich erklärt wird auch, wieso die Wikinger zu den genannten Osteuropäern gezählt werden, von denen gut jeder Dritte, nicht aber zu den Germanen, von denen nur jeder sechste Deutsche abstammen soll. Was „Deutsche“ im Sinne dieser Studie sind, darüber fand ich ebenfalls keine Aussage.

Auch sonst sind die Erkenntnisse der Studie, zumindest der Teil, der die Medien bisher erreichte, eher verwirrend als erhellend.

So heißt es „Die moderne Genetik führt den Rassismus ad absurdum.“ Ja, und? Wo ist die Neuigkeit? Und seit wann kümmern sich irrationale Geisteshaltungen und Vorurteile um wissenschaftliche Erkenntnisse, mit denen sie widerlegt werden?

Insgesamt erweckt die Berichterstattung eher den Eindruck einer Werbekampagne, wird doch jeweils brav auf das Dienstleistungsangebot der Firma verwiesen. Ach ja, außerdem hat BILD am Sonntag mit der Firma, über die sie berichtet, eine gemeinsame Aktion gestartet – wer will da schon sinnvolle objektive Berichterstattung verlangen?

Berichte zu dem Thema gab es u.a. noch in der Berliner Morgenpost, der Welt, der Rheinischen Post und den Schweizer 20Minuten.

Schlagwörter: , , , , , , , ,

5 Antworten to “Nur wenige Deutsche sind echte Germanen”

  1. Echte Verwandte von Bronzezeitlern « Alte Sitte Says:

    […] Verwandte von Bronzezeitlern Angeregt durch die iGenea-Studie suchte ich noch ein wenig nach Abstammungssuche per Gentest. Dabei stieß ich auf die […]

  2. belafleck Says:

    Inwiefern ist es von Bedeutung, ob man als Deutscher germanischen Ursprungs ist o_O

  3. Suche nach den Wurzeln « Alte Sitte Says:

    […] Suche nach den Wurzeln Ende November letzten Jahres war eine sogenannte Genstudie in den Schlagzeilen, deren Ergebnisse sich kurz zusammenfassen lassen: “Nur wenige Deutsche sind echte Germanen“. […]

  4. Arkas Says:

    Falls das hier noch gelesen wird, ein paar Antworten zu den Fragen von langerheide:
    Vorneweg
    Der Artikel in der Bild bringt die Ergebnisse der Studie denkbar schlecht rüber (oh Wunder *g*), wer davon keine Ahnung hat dem hilft er also nicht weiter.

    Als Deutsche gelten vermutlich die Teilnehmer aus Deutschland, ob man die Staatsangehörigkeit angeben muss weiß ich nicht, als Juden mit Sicherheit nur solche, die dieser Religionsgemeinschaft angehören. Da wurde nicht näher ausdifferenziert, da es vermutlich keine gesonderten Studienteilnehmer waren, um die es geht, sondern hauptsächlich Kunden von Igenea von denen man ein paar herausgenommen hat. Sicher hat man die dann noch nach ihrer Religion gefragt (sonst wüßte man ja nichts davon, dass 40% der Juden der Haplogruppe J angehören) aber sicher nicht jeden nach seiner genauen Abstammung.

    Dass 10 % der Deutschen jüdische Wurzeln haben geht so aus den Zahlen nicht direkt hervor (könnte aber passen). Es ist lediglich so, dass 10 % der Deutschen einer Haplogruppe angehören, der auch 40% der Juden angehören, man könnte also sagen, diese 10 % sind mit 40 % der Juden „enger“ verwandt. Um eine jüdische Abstammung von 10% belegen zu können müsste man aber noch wissen wie groß der Anteil der Juden in der Haplogruppe J überhaupt ist, dazu weiß ich aber nichts.

    Wikinger und Osteuropäer gehören nicht zusammen, in dem Teil des Artikels werden Haplogruppen und Urvölker zusammengeworfen.
    Es ist zwar so, dass ein Urvolk (maßgeblicher Zeitraum ca. 900 v.Chr. -900 n.Chr.) hauptsächlich auch einer Haplogruppe (maßgeblicher Zeitraum liegt jahrzehntausende weiter zurück!) angehören kann, aber es sind halt zwei verschiedene Einteilungen, da sie für unterschiedliche Zeitalter gelten.
    Auch in der Grafik wird das vermischt, die Werte gelten für Haplogruppen, nicht für Urvölker, aus dem Grund tauchen auch die Germanen nicht auf, die Wikinger aber zweimal. Wikinger sind im Übrigen natürlich Nordgermanen und tauchen nur deshalb extra auf, weil man sie als Urvolk genetisch definieren konnte, da es eben kleine Unterschiede zu den anderen Germanen gab. Bevor das möglich war galten die Wikinger als Germanen, was den Wert für diese natürlich erhöhen würde. Leider werden außer den 6 % Germanen keine anderen Urvölker mit Zahlen genannt, es sind vermutlich mehr Kelten als Germanen und Wikinger zusammen, aber dazu gibts auch bei Igenea keine verfügbare Statistik.

    Ausserdem muss natürlich berücksichtigt werden, dass eben nur die rein männliche und die rein weibliche Linie analysiert werden können. Diese zwei Linien stellen aber nur einen Bruchteil der Vorfahren eines Menschen dar, vor allem wenn man soweit zurück geht. Da man also zwei Extremwerte hat, dürfte die Wahrheit in etwa in der Mitte liegen. Das hieße, dass der durchschnittliche „Deutsche“ (Deutscher im Sinne der Studie, also unklar) zu 28 % (50 +6 / 2) von den Germanen (als Urvolk im genetischen Sinne) abstammt.
    Deshalb ist natürlich auch die Überschrift des Bild-Artikels Schwachsinn, da ja nichtmal zwischen Frauen und Männern unterschieden wurde, sondern lediglich zwischen den zwei Linien, die aber jeder Mensch gleichermaßen hat, egal ob Mann oder Frau.

    Wie es mit Wikingern, Kelten usw. aussieht kann man ohne genauere Zahlen zu den Urvölkern nicht sagen.

    Die Arbeit von Igenea und deren Ergebnisse sind durchaus ernst zu nehmen, aber solche Zeitungsartikel sind dafür die falsche Quelle.

    Könnte dazu noch mehr schreiben, aber ich denke, das meiste wurde klar, wenn noch Fragen sind bitte schreiben, ich antworte gerne.

Kommentare sind geschlossen.


%d Bloggern gefällt das: